Zwangsjacke oder Unterstützung? Ein ehrlicher Blick auf Longierhilfen

Um das Pferd in der Bodenarbeit in die richtige Position zu bringen und es in einer "korrekten" Haltung laufen zu lassen, greifen viele Reiter und Trainer auf Longierhilfen zurück. Doch nicht alle Hilfen wirken gleich - und ihre Geschichte zeigt, dass der Wunsch, das Pferd zu formen, oft über die tatsächliche Förderung des Bewegungsapparates gestellt wurde. Werfen wir mal einen genaueren Blick auf dieses heikle Thema.

 

Krämer Pferdesport sagt es so: 
In der Ausbildung und Korrektur von Pferden an der Longe werden Hilfszügel immer wieder gerne eingesetzt. Richtig verschnallt und richtig angewendet können Hilfszügel eine Bereicherung in der Ausbildung von Pferd und Reiter sein. Gleichzeitig kann dem Pferd bei einer falschen Anwendung sowohl physisch als auch psychisch großer Schaden zugefügt werden. Um das zu vermeiden, müssen Ausbildungsziel und Hilfszügel zusammenpassen. […] Hilfszügel unterstützen die Erreichung eines bestimmten Ausbildungsziels […] Grundsätzlich weisen Hilfszügel dem Pferd den Weg in eine bestimmte Haltung und begrenzen es seitlich, nach vorne oder nach oben. Meistens sollen sie dem
Pferd den Weg in die Vorwärts-Abwärts-Dehnung zeigen, damit es lernt, den Rücken
aufzuwölben und mit der Hinterhand nach vorne zu schwingen.


Equiva sagt:
Hilfe! Das Pferd drückt den Rücken weg und stakst hocherhobenen Hauptes über den Reitplatz? […] Das Pferd stürmt beim Springen oder im Gelände davon und entzieht sich den Zügelhilfen? […] Hilfszügel werden eingesetzt, wenn beim Reiter oder beim Pferd Defizite in Bezug auf die korrekte Haltung bestehen.


Puh, da muss ich erstmal schlucken. Sind denn Hilfszügel wirklich eine Bereicherung? Hilft es den Pferden wirklich, den
Rücken aufzuwölben? Und stürmt mein Pferd dann auf magischer Weise nicht mehr im Gelände davon und läuft brav am Zügel? Wir schauen uns in diesem Artikel einmal den Ursprung dieser Hilfsmittel an, beschäftigen uns mit der genauen Wirkung von verschiedenen Hilfszügeln und betrachten mit einem geschulten Auge die Folgen auf den Körper des Pferdes.

Vorab: Als Hilfszügel bezeichnet man im Pferdesport alle mechanischen Hilfsmittel abgesehen vom Zügel, mit denen Einfluss auf die Kopf- und Halshaltung des Pferdes genommen wird. 

Der Ursprung der Hilfszügel

William Cavendish (1592 bis 1676), Herzog von Newcastle ist der mutmaßliche Erfinder des Schlaufzügels. Er ließ den Hilfszügel durch die Ringe des Kappzaums laufen und verwendete ihn vornehmlich zur Erarbeitung der seitlichen Biegung. Cavendish war nicht der feinfühligste Pferdeausbilder. Er war dafür bekannt die Pferde binnen kürzester Zeit die Lektionen der hohen Schule „beizubringen“ (ein Pferd in die hohe Schule zu trainieren dauert sonst in reeller Ausbildung mehrere Jahre) und wird auch als „Vater der Rollkur“ bezeichnet.


Alwin Schockemöhle (erfolgreicher internationaler Springreiter der 1960er und 1970er) ritt gerne mit Schlaufzügeln, sodass schnell auch Amateure anfingen den erfolgreichen Sieger nachzuahmen.

Verschiedene Hilfszügel und ihre Wirkung

Wir schauen uns 4 Arten an.

Der Ausbinder

Es handelt sich hierbei um zwei Lederriemen, die links und rechts am Sattelgurt angebracht sind und am Gebissring befestigt werden. Sie simulieren eine stetige Zügelverbindung/Reiterhand und soll dem Pferd helfen die Anlehnung zu suchen. Das Pferd kann allerdings nicht vorwärts-abwärts laufen, denn die Ausbinder würden die Pferdenase bei einer Tendenz nach unten hinter die Senkrechte ziehen. Ebenso läuft das Pferd sehr vorhandlastig und kann schnell lernen sich zu stark auf das Gebiss zu legen.


Dreieckszügel

Wird unter dem Sattel verschnallt, verläuft zwischen den Vorderbeinen durch die Gebissringe und wird dann seitlich am Sattelgurt oder unter dem Sattelblatt befestigt. Der Hilfszügel lässt je nach Verschnallung unterschiedliche Kopf-Hals-Haltungen zu und ermöglicht die Dehnung des Halses, sowie eine seitliche Führung.
Dehnt sich das Pferd zu tief oder ist die Verschnallung zu kurz gewählt, kann das Pferd auch hier hinter die Senkrechte kommen, vorhandlastig laufen und permanenten Zug auf dem Gebiss spüren.


Martingal

 


Links korrekt verschnallt, rechts zu kurz verschnallt.


Das Martingal besteht aus einer Schlaufe, die zwischen den Vorderbeinen durch den Sattelgurt geführt wird und sich im oberen Teil gabelt. Durch die Ringe werden die Zügel geführt und ein Riemen wird um den Hals gelegt. Der Brustriemen zwischen den Vorderbeinen muss unbedingt eng anliegen, ansonsten besteht die Gefahr, dass
der Huf des Pferdes (zB über einem Hindernis) hängen bleibt. Das Vorderzeug (wenn am Martingal vorhanden) verhindert, dass der Sattel nach hinten rutscht und die Martingalgabel gibt dem Pferd eine Begrenzung nach oben,
wenn es den Kopf zu weit hochnimmt, „um sich den Reiterhilfen zu entziehen“.
Bei korrekter Verschnallung ist der Hilfszügel nur spürbar, wenn das Pferd den Kopf hochreißt und hat außerdem den Effekt, dass wenn es zu einem Sturz kommt, die Zügel keine Schlinge bilden können, in die das Pferd hineintritt. Wenn zu kurz verschnallt, ist die Zügellinie auch bei korrekter Kopfhaltung unterbrochen, sodass das Gebiss nach unten zieht und auf die Lade drückt.


Halsverlängerer

Die Enden werden zwischen den Vorderbeinen am Gurt eingehakt und verläuft dann durch die Gebissringe und über das Genick.
Dieser Hilfszügel soll dem Pferd einen Rahmen vorgeben und das Strecken nach unten erleichtern. Nimmt es den Kopf zu hoch, erhöht sich der Druck auf dem Genick. Werden die Halsverlängerer zu kurz eingestellt, bekommt das Pferd durch das Gummi einen permanenten Zug auf das Genick und die Trensenringe. Viele Pferde wehren sich bei diesem Druck mit Gegendruck, werden stumpf im Maul und trainieren sich eine unerwünschte Unterhalsmuskulatur an. Der Kopf wird tendenziell hinter die Senkrechte gezogen und wird dem Druck nachgegeben, rollt das Pferd sich eher ein, als ehrlich am Zügel zu laufen.

 

Wir gehen in einen kurzen Faktencheck.

Auf Instagram wurde wieder fleißig abgestimmt. Folgendes kam dabei raus:

  1. Hast du schon mal Hilfszügel genutzt? 71% der Befragten haben mit "Ja" geantwortet. Auf die Frage "Nutzt du aktuell Hilfszügel" haben 12 % mit "Ja" geantwortet. Man muss dabei bedenken, dass sich meine Followerschaft schon sehr mit dem Wohl ihrer Pferde auseinandersetzt und hinterfragt. Auf anderen Kanälen würde ich von weitaus höheren Zahlen ausgehen. 
  2. Wie oft benutzt du Hilfszügel? Diese Frage wurde zu 69% mit "nie" beantwortet, was schon eine beachtliche Zahl ist. Selten bis manchmal nutzen 30% der Befragten Hilfszügel. 
  3. Warum nutzt du Hilfszügel, warum nicht? Die, die Hilfzügel nutzen, sagen: "Es gibt mir Sicherheit", "Es wird mir von der Besitzerin des Pferdes vorgeschrieben", "Um mich auf meinen Sitz zu konzentrieren", "Es ist Pflicht in der Reitschule", "Damit das Pferd sich mal fallen lässt". Die, die bewusst keine Hilfszügel nutzen, sagen: "Sie helfen dem Pferd nicht, sondern stören es in seinem natürlichen Bewegungsablauf, "Das Pferd fiel oft aus", "Weil ich keinen Sinn mehr in der Nutzung dessen sehe", "weil sie keine reelle Hilfe darstellen". wird. Schön war diese Aussage: "Es sind symtom- und keine Problemlöser." Viele sprachen auch von Tierquälerei.
  4. Welche Art von Longierhilfen nutzt du am meisten? Dreieckszügel liegen bei denen, die Hilfszügel nutzen, mit 42% auf Platz 1. 
  5. Hast du schon mal bemerkt, dass dein Pferd durch Longierhilfen Verspannungen oder Unwohlsein entwickelt hat? 56% antworteten mit "Ja", 44% mit "Nein". Bemerkt wurde es von den Befragten an einer gewissen Ignoranz des Pferdes, am Blick beim Anbringen der Longierhilfe, am Schweifschlagen, daran, dass das Pferd klemmig und unkooperativ wurde, sowie der Vorwärtsdrang verloren ging. Auch wurde ein Gegenlehnen/ Gegendruck wahrgenommen. 
  6. Glaubst du, dass Longierhilfen für junge Pferde eine wertvolle Unterstützung sind? 84 % antworteten mit "Nein", ganze 16% mit "Ja". Auch hier gehe ich davon aus, dass die Anzahl der Befürworter von Longierhilen bei Jungpferden auf anderen Kanälen deutlich höher wären. Und da sind wir auch direkt beim Fallbeispiel:

"Das 4-jährige Warmblut und die Dreieckszügel"

Ein 4-jähriges Warmblut wird regelmäßig mit Dreieckszügeln longiert. Diese Zügel werden am Gebiss des Pferdes befestigt, beeinflussen sowohl das Maul als auch das Kiefergelenk. Sie zwingen das Pferd, seinen Kopf in eine bestimmte Position zu bringen, was weitreichende Auswirkungen auf den gesamten Bewegungsapparat hat.

Die Verwendung von Dreieckszügeln führt zu einer Überdehnung der Halswirbelsäule und der umgebenden Muskeln, wie dem M. Rhomboideus und dem Lig. Nuchae. Dies setzt die Nackenmuskulatur stark unter Zug und beeinflusst das Pferd negativ, da es seine Muskulatur in diesem Alter noch nicht vollständig entwickelt hat. Ein junges Pferd, das sich noch nicht selbst tragen kann, läuft oft auf der Vorhand und hat Schwierigkeiten, den Rücken korrekt zu wölben. Die Folge: Die Sehnen – insbesondere die tiefe Beugesehne – werden übermäßig belastet, was langfristig zu Sehnenschäden führen kann.

Die Muskelschlinge: Belastung und Auswirkungen

Pferde haben kein Schlüsselbein, was bedeutet, dass ihr Rumpf durch eine Muskelschlinge, bestehend aus Muskeln wie dem M. Serratus ventralis, Pectoralis und Rhomboideus, getragen wird. Durch die Zügel wird diese Muskelschlinge gezwungen, in eine Überdehnung zu gehen, was das Pferd in eine sogenannte Trageschwäche bringt. Eine verspannte Muskelschlinge verliert ihre Fähigkeit, als Federmechanismus zu wirken, was wiederum die Belastung auf die Beine, insbesondere auf Sehnen und Bänder, verstärkt.

Folgen für die Schulter- und Atemmuskulatur

Die Verspannung der Schulter wirkt sich auch auf die Beweglichkeit der Vorderbeine und die umliegenden Strukturen aus. Ein direkter Zusammenhang besteht hier zwischen der Schulter und dem Zungenbein durch den M. Omohyoideus. Verspannungen in diesem Bereich können den Plexus brachialis, ein Nervengeflecht, das die Vorderbeine versorgt, beeinträchtigen. Dies kann Stolpern verursachen und das Verletzungsrisiko erhöhen. Zusätzlich wird der Phrenic nerve durch solche Verspannungen beeinträchtigt, was die Atmung des Pferdes beeinflusst. Da dieser Nerv auch das Zwerchfell innerviert, kann dies weitreichende Folgen für die Atmung und den gesamten Körper haben, da das Zwerchfell nicht nur für die Atmung, sondern auch für den Transport von Flüssigkeiten im Körper und die Beweglichkeit der inneren Organe verantwortlich ist.

Langfristige Konsequenzen

 

Das Pferd, das durch die Dreieckszügel gezwungen wird, eine bestimmte Kopfhaltung einzunehmen, läuft Gefahr, langfristig körperliche Schäden zu erleiden. Die verspannte Muskulatur kann nicht mehr richtig arbeiten, und die Kräfte, die normalerweise durch die Muskelschlingen abgefedert werden, wirken verstärkt auf die Sehnen und Bänder der Vorderbeine. Dies kann im schlimmsten Fall zu chronischen Sehnenproblemen führen.

Darüber hinaus hat die erzwungene Haltung auch psychische Folgen für das Pferd. Als Fluchttier kann es durch die Einschränkung seines Bewegungsfreiraums zu Panik oder Verweigerungshaltungen kommen. Auf Dauer kann diese körperliche und psychische Belastung zu einer generellen Arbeitsverweigerung und Vertrauensverlust führen.

 

Wer langfristig gesunde und glückliche Pferde haben möchte, sollte weniger auf Zwangsmechanismen und mehr auf das Konzept der Selbsthaltung setzen. Statt das Pferd in eine bestimmte Haltung zu pressen, geht es darum, dem Pferd zu ermöglichen, seine eigene Balance zu finden und seine Muskulatur auf natürliche Weise zu entwickeln. Die Selbsthaltung stärkt das Vertrauen zwischen Pferd und Mensch und fördert eine langfristig gesunde Körperhaltung, ohne auf künstliche Hilfsmittel zurückgreifen zu müssen. Falls ihr lernen möchtet, euer Pferd im Freien in eine gesunde Selbsthaltung zu trainieren, seid ihr bei mir genau richtig. Schaut gern mal in meinen Livestreams oder der Enhanced-/ oder Exclusive Mitgliedschaft vorbei! :)

 

Ein Artikel von Celina Ronneburg (equine.elevate), @vollgeflasht und @paddyunddanny

 


ÜBER DIE AUTORIN

Autor

Celina Ronneburg

Celina Ronneburg ist die Gründerin von Equine.Elevate und steht für pferdegerechtes und gesunderhaltendes Training auf Basis innovativer Trainingsmethoden. 

Jetzt in der Freiarbeit durchstarten.

Mit der Elementary-Mitgliedschaft hast du alles, was du brauchst.

UI FunnelBuilder

Erhalte den ersten Monat für 25,95 € anstatt für 29,95 €.

© 2024 Equine.Elevate. All rights reserved. AGB, ImpressumDatenschutzerklärung