Enrichment: So bereicherst du das Leben deines Pferdes

Enrichment umfasst alle Maßnahmen, die darauf abzielen, die Lebensqualität von Tieren – insbesondere von Pferden – zu steigern. Durch gezielte Reize und Herausforderungen werden körperliche und kognitive Fähigkeiten sowie natürliche Verhaltensweisen gefördert. Enrichment ist mehr als nur Beschäftigung; es bedeutet pferdegerechtes und motivierendes Training, eine gesundheitsfördernde Gestaltung des Alltags und kreative Ideen, um das Leben unserer Pferde bereichern.

Ziel von Enrichment ist es, das Pferd sowohl im Privatleben als auch in gemeinsamen Aktivitäten geistig und körperlich zu fordern. Indem es neue Talente entdecken und Selbstwirksamkeit erleben kann, steigert Enrichment die Lebensqualität des Pferdes. Dabei steht nicht der Mensch im Fokus, sondern das Pferd selbst, das aktiv wird und seine Umgebung erkundet.

Ideen für Enrichment im Alltag

Der Alltag lässt sich durch Enrichment-Maßnahmen vielseitiger gestalten. Hier einige Beispiele:

  • Frische Knabberäste wie Weide, Haselnuss oder Obstgehölze bieten eine natürliche Beschäftigung und unterstützen den Kautrieb.
  • Unbekannte Gegenstände erkunden: Ob Schirme, Planen oder bunte Eimer – das Pferd wird angeregt, Neues zu entdecken.
  • Vielfältige Untergründe: Einen Spaziergang abwechslungsreich gestalten, etwa durch Kies, Sand, Gras oder Wasser, schult die Trittsicherheit und Körperwahrnehmung.
  • Strukturierte Außenbereiche: Hindernisse wie Baumstämme zum Darübersteigen oder Schubbermöglichkeiten fördern das Bewegungslernen und sind einladende Reize für Bewegung und Spiel.
  • Kopftraining mit „Knobelboxen“: Mit einfachsten Mitteln lassen sich Boxen bauen, in denen das Pferd durch Kreativität und Problemlösungen an Futter gelangt (Anleitung im Blog auf kleinetante.com).

Positive Effekte von Enrichment

Enrichment reduziert Langeweile und Stress und stärkt die soziale Bindung zwischen Pferd und Mensch. Es steigert das Wohlbefinden, fördert Neugier und Kreativität und unterstützt das Mitdenken und die Motivation im Alltag. Auch die Fähigkeit zur Problemlösung und kognitive Flexibilität werden gefördert. Insgesamt unterstützt Enrichment das Pferd dabei, auf ganzheitliche Weise geistig und körperlich aktiv zu bleiben und neue Fähigkeiten zu entwickeln.

Die Verantwortung des Menschen in der Gestaltung des Pferdeumfelds

Pferde leben in einer vom Menschen geschaffenen Umgebung, die oft stark von ihrer natürlichen Lebensweise abweicht. Deshalb ist es Aufgabe des Menschen, diese Umgebung so zu gestalten, dass das Pferd möglichst viele seiner natürlichen Verhaltensweisen ausleben kann. Die Gestaltung lässt sich in zwei Bereiche gliedern:

  1. Dauerhafte Lebensumgebung: Die alltägliche Haltung sollte möglichst vielfältige und anregende Elemente bieten.
  2. Gezielte Trainingssituationen: Temporäre Aufgaben und Herausforderungen im Training schaffen ebenfalls wichtige Abwechslung.

Was passiert im Pferdekopf bei neuen Reizen?

Neue Reize beeinflussen nicht nur die körperliche, sondern auch die geistige Gesundheit und die Alterung des Pferdegehirns. Besonders im Alter nimmt die Plastizität des Gehirns, also die Fähigkeit, neue Informationen zu verarbeiten und zu speichern, ab. Wenn das Gehirn jedoch regelmäßig stimuliert wird, bleiben die Neuronen länger vernetzt und aktiv.

Diese Neuroplastizität, also die Fähigkeit des Gehirns, sich durch neue Eindrücke zu verändern, spielt auch eine wichtige Rolle in der Kognition und der neuronalen Vernetzung. Durch gezielte kognitive Herausforderungen werden synaptische Verbindungen im Pferdegehirn gestärkt, was eine bessere Informationsverarbeitung und ein schnelleres Reagieren auf neue Reize ermöglicht.

Funktion und Anatomie des Pferdegehirns

Das Pferdegehirn weist einige anatomische Besonderheiten auf, die eng mit den Bedürfnissen als Fluchttier, Lauftier und Herdentier verknüpft sind. Ein ausgeprägtes Kleinhirn ermöglicht dem Pferd eine exzellente Bewegungskoordination und Feinmotorik. Das limbische System, das für Emotionen und soziale Interaktionen verantwortlich ist, ist ebenfalls gut entwickelt.

Das Gehirn lässt sich in zwei Hemisphären gliedern: Die linke Seite ist für logisches und analytisches Denken zuständig, die rechte für kreative und emotionale Prozesse. Übungen, die beide Körperhälften ansprechen, wie das Überqueren von Stangen oder Hindernissen, fördern die Integration beider Gehirnhälften und die kognitive Flexibilität. Auch abwechslungsreiche Reize wie Gerüche, Geräusche und visuelle Eindrücke stärken die neuronale Vernetzung und die kognitive Entwicklung des Pferdes.

Lernen zu lernen: Ein faszinierender Prozess

Je mehr das Pferd lernt, desto effizienter wird sein Gehirn darin, Neues zu verarbeiten. Beim kontinuierlichen Lernen werden neuronale Verbindungen geschaffen, die sich durch Wiederholungen zu stabilen synaptischen Bahnen formen. Ein Pferd, das regelmäßig mit neuen Herausforderungen konfrontiert wird, baut sich also quasi einen „Lernvorteil“ auf, der das zukünftige Lernen vereinfacht.

Verschiedene Lernformen im Training

Pferde lernen auf verschiedene Arten, die im Training gezielt genutzt werden können, um die kognitiven und physischen Fähigkeiten des Pferdes optimal zu fördern.

  • Nicht-assoziatives Lernen: Hierzu gehören Sensitivierung (das Pferd wird empfindlicher auf Reize) und Habituation, bei der das Pferd sich an einen harmlosen Reiz gewöhnt. Dies ist beispielsweise bei Gelassenheitstraining hilfreich, da das Pferd lernt, Reize wie flatternde Fahnen zu ignorieren.
  • Bewegungslernen: Bewegungslernen findet statt, wenn das Pferd neue Bewegungen erlernt und an seine Umgebung anpasst. Es spielt eine wichtige Rolle im Sport, in der Physiotherapie sowie in Alltagsübungen wie dem Überqueren von Hindernissen oder Balancieraufgaben wie auf einer Wippe. Viele ausgefallene und effektive Übungen findet ihr in der Elevate-Academy.
  • Lernen am Modell: Pferde lernen durch Beobachtung anderer. Besonders in Gruppenhaltungen spielt das Modelllernen eine wichtige Rolle, da Pferde Verhaltensweisen von Artgenossen beobachten und nachahmen.
  • Assoziatives Lernen: Hierzu zählen die klassische Konditionierung (z. B. ein bestimmtes Signal wird mit Futter verknüpft) und die operante Konditionierung, bei der Verhaltensweisen durch Belohnung oder Konsequenzen beeinflusst werden.

Ein Beispiel für operante Konditionierung wäre das Training mit einer Wippe:

  • Positive Verstärkung: Das Pferd wird belohnt, wenn es auf die Wippe tritt, und verknüpft die Wippe dadurch mit positiven Erfahrungen.
  • Negative Verstärkung: Wenn das Pferd zögert, auf die Wippe zu gehen, könnte ein sanfter Druck am Führseil hinzugefügt und entfernt werden, sobald es einen Schritt Richtung Wippe macht.
  • Positive Strafe: Falls das Pferd ungestüm auf die Wippe stürmt, kann ein akustisches Signal gegeben werden, um es zu bremsen.
  • Negative Strafe: Bei Desinteresse könnte das Training unterbrochen werden und die Belohnung entzogen, um das Verhalten zu regulieren.

Ich persönlich arbeite nur mit positiver Verstärkung und positiver Strafe. Für mich ist es das Fairste. Aber generell gesprochen sollten all diese Methoden bedacht angewendet werden - stärkere Strafen wie das Schlagen mit der Gerte oder Futterentzug haben im Training nichts verloren.

Kognitives Lernen: Problemlösen und Kreativität fördern

Kognitives Lernen ist eine fortgeschrittene Form des Lernens, bei der das Pferd durch Problemlösungen und Kreativität lernt. Dabei geht es nicht um die direkte Reiz-Reaktions-Verbindung, sondern darum, Zusammenhänge zu verstehen und eigenständig Lösungen zu entwickeln. Solche Aufgaben, die das eigenständige Denken fördern, sind besonders wertvoll für die kognitive Entwicklung und Flexibilität. 

Unsere Umfrageergebnisse:

Auf Instagram gab es vergangene Woche Umfragen zu diesem Thema. Hier die Ergebnisse:

  1. Weißt du, was Enrichment ist? 82% der Befragten ist Enrichment kein Begriff gewesen. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich diesen Begriff bis zur Zusammenarbeit mit Britta von Kleine Tante auch nicht kannte... Obwohl mein Alltag bzw. die alltäglichen Übungen, die ich mit meinem Pferd mache, fast nur Enrichment enthält!
  2. Wie wichtig ist dir Enrichment im Alltag deines Pferdes? "Sehr wichtig" hat 43%, "wichtig" 41% der Stimmen, woran man schon sehen kann, dass sich meine Followerschaft viele Gedanken um das Pferd als Individuum und seine Lebensqualität macht und für diese ihr Pferd mehr als nur ein "Reitpferd" ist. 
  3. "Bietest du deinem Pferd regelmäßig spannende Reize und Herausforderungen an" beantworteten 79% mit "Ja". Einige der von den Abonnenten genannte Ideen für Reize und Herausforderungen sind:  Extreme Trail, Wasser-Training, Koordinationsübungen, Schrecktraining, neue Futterplätze, Leckerlis unter Hütchen verstecken, fremde Umgebungen erkunden, verschiedene Untergründe nutzen, Farben erkennen und Kontakt mit verschiedenen Tieren suchen und zulassen. 
  4. Findest du es wichtig, dass Pferde mit neuen Gegenständen und Umgebungen vertraut gemacht werden? 99% der Teilnehmer stimmten für "Ja". Eine beachtliche Summe und ein Ergebnis, das anzeigt, dass meine Follower sich mit ihrem Pferd wirklich beschäftigen und es nicht übersehen. Und auch daran glauben, dass es hilft, den Horizont des Pferdes zu erweitern, indem man ihm mit neuen Situationen und Gegenständen vertraut macht. 
  5. Glaubst du, dass Enrichment die Neugier und Kreativität deines Pferdes fördert? 84% antworteten mit "Ja, absolut", 15% mit "vielleicht ein wenig". Ich persönlich bin ganz sicher, dass durch Enrichment die Neugierde und Kreativität gefördert wird. Mein Pferd ist wirklich eine richtige "Denkerin" geworden und denkt manchmal schon so genial, dass ich es selber kaum glauben kann!
  6. Wie oft bietet dein Stall eine abwechslungsreiche Umgebung für die Pferde? 22% sagten "regelmäßig", 49% "gelegentlich" und 29% "nie". Wie der Stall eine abwechslungsreiche Umgebung schafft wurde häufig beantwortet mit: Viel Landwirtschaft und damit viel los auf dem Hof, verschiedene Koppeln mit Beschäftigungsideen, Trail- und Geschicklichkeitsparcours, verschiedene Kurse am Stall. Wie oft ein Stallbetreiber aber wirklich für Abwechslung auf dem Hof sorgt, ist schwierig abzufragen. In Aktiv- und Offenställen findet man grundsätzlich wohl häufiger abwechslungsreiche Situationen und Elemente. An "normalen" Ställen sorgen Kurse aller Art für Abwechslung.
  7. Gestaltest du die tägliche Umgebung deines Pferdes anregend und mit ständig neuen Reizen? 60% beantworteten das mit "Ja". Mehr als die Hälfte machen sich also Gedanken darüber, sein Pferd auch geistig anzusprechen und das in seinen Alltag zu integrieren.
  8. Trainierst du dein Pferd regelmäßig mit Kopfaufgaben? 82% beantworteten diese Frage mit "Ja", darunter z.B., neue Tricks und Zirkuslektionen, Wippentraining, Podest, Traget-Training, Dual-Aktivierung, Stangenarbeit, Haltungsarbeit, "meine Kurse" (danke dafür ;)), Fahrtraining, Intelligenzspielzeuge selber machen,...

Fazit: Den Pferdealltag bereichern und fördern

Pferde haben vielfältige Möglichkeiten, durch Enrichment gefördert zu werden. Wer die unterschiedlichen Lernprozesse versteht, kann gezielt auf die Bedürfnisse der Tiere eingehen und ein Umfeld schaffen, das ihre kognitiven und physischen Fähigkeiten stimuliert. Ein gut durchdachter Pferdealltag, der verschiedene Lernformen und Enrichment-Maßnahmen integriert, fördert nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Bindung zwischen Mensch und Pferd und ermöglicht einen gesunden, abwechslungsreichen Alltag.

In meiner Academy findet ihr ausgefallene Übungen zur Bereicherung eures Trainings. Dabei wird das Pferd nicht nur geistig angeregt - auch der Pferdekörper profitiert mit Kräftigung und Gymnastizierung. Das Pferd lernt unter anderem, seinen Körper bewusst einzusetzen und partiell sowohl anzuspannen, als auch zu entspannen. Auf Instagram oder TikTok kannst du dir ein genaueres Bild von der Arbeit machen. :) 

Bei kleine Tante im Shop (kleinetante.com) findet ihr Trainingsequipment wie Wippen, aber auch ausgefalleneres Equipment wie Pyrotechnik, allerlei Ergänzungen für ein gutes Gelassenheitstraining, Futterspielzeuge uvm. - auch hier lohnt sich ein Blick! 

Ein Artikel von Celina Ronneburg (equine.elevate) und Britta Gockel (kleinetante)


ÜBER DIE AUTORIN

Autor

Celina Ronneburg

Celina Ronneburg ist die Gründerin von Equine.Elevate und steht für pferdegerechtes und gesunderhaltendes Training auf Basis innovativer Trainingsmethoden. 

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